Das Bild wurde immer grösser

Am 1. Oktober 2025 konnte nach elf Jahren Planungs- und Entwicklungsarbeiten sowie einem langwierigen Prüfungs- und Bewilligungsprozess die erste Bauphase des Bahninfrastrukturprojektes «Erneuerung Streckenabschnitt Scharnageln–Niederbipp» gestartet werden. Die umfassende Erneuerung des Trassees und der Bau der neuen Haltestelle in Niederbipp Dorf werden insgesamt rund zwei Jahre dauern. Eine Standortbestimmung mit Martin Mühlethaler (asm) und Raphael Stadelmann (SBB).

Die Anfänge

Bereits 2014 war klar: Die Haltestelle Niederbipp Dorf muss saniert werden: Sie entspricht nicht mehr den gängigen Anforderungen – unter anderem ist sie nicht behindertengerecht. «Die asm musste als Erstes mit der Gemeinde Niederbipp herausfinden, ob die Haltestelle zukünftig noch benötigt wird. An der gleichen Stelle wird man sie nicht mehr platzieren können, da der Gleisradius der Strecke zu eng und zu steil ist», blickt Martin Mühlethaler zurück. «Schliesslich musste man den idealen Ort für die neue Haltestelle bestimmen, Land hinzukaufen und nach tragfähigen Entwicklungslösungen suchen», erklärt der Bahninfrastruktur-Spezialist. Mit anderen Worten: Das Bild wurde immer grösser.

Das Projekt in einem Satz

Martin Mühlethaler übernahm im Jahr 2020 die Leitung des Gesamtprojekts. Er beschreibt es so: «Wir müssen die bestehenden Mängel der Bahninfrastruktur im Abschnitt Scharnageln–Niederbipp beheben – mit dem Ziel, alle notwendigen Sanierungs- und Neubaumassnahmen zu bündeln: von der Erneuerung der Trassees über die Optimierung der Gleisgeometrie, die Sanierung der SBB-Querung bis hin zum Neubau der Haltestelle Niederbipp Dorf nach den heutigen, behindertengerechten Normen.» Fakt ist auch: Die Anlagenteile im Projektperimeter haben das Ende ihrer Lebensdauer erreicht und müssen ersetzt werden.

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Martin Mühlethaler

Integration SBB

Im Vorprojekt von 2019 erteilte das Bundesamt für Verkehr (BAV) die Bewilligung. Zeit, die SBB ins Boot zu holen: «Wir wurden in erster Linie für den Bau der neuen Unterführung involviert», erklärt Raphael Stadelmann, der zuständige Projektleiter. «Nach der Fertigstellung wird diese ins Eigentum der SBB übergehen.» Für Martin Mühlethaler und die asm war das Hinzuziehen der SBB eine Erleichterung. «Wir konnten mit klaren Vorgaben ein geregeltes Bewilligungsverfahren anstreben.» Sowieso erwies sich die Kooperation zwischen den beiden Parteien als Glücksfall.

Die grosse Herausforderung

«Die komplexe Totalsperrung der Jurasüdfusslinie der SBB über Pfingsten 2026 wird besonders herausfordernd. Wir müssen den Bahnbetrieb während 72 Stunden unterbrechen: Die Gleise werden aufgebrochen und die neue, 1100 Tonnen schwere Unterführung wird eingepasst. Ein solches Unterfangen muss jeweils bis auf die Minute getimt werden und bedeutet eine logistische Herausforderung. Deshalb ist eine enge Zusammenarbeit zwischen der asm und der SBB sowie zahlreichen weiteren Partnern unabdingbar», schaut Raphael Stadelmann auf das Husarenstück des Bauprozesses voraus.

Persönliche Erfahrungen

Martin Mühlethaler und Raphael Stadelmann bildeten während sechs Jahren ein gemeinsames Gespann. Gross in die Quere kamen sie sich in dieser Zeit nicht – im Gegenteil: «Die Rollen waren von Anfang an klar. Wir spiegeln uns regelmässig gegenseitig und pflegen eine offene und transparente Kommunikation», sagt Martin Mühlethaler. «Ich versuche einfach immer und überall mitzudenken – und mich auch in der Praxis einzubringen», ergänzt Raphael Stadelmann. Zudem fügt Martin Mühlethaler an: «Wir kommen ja aus demselben Bereich: Vielleicht sind wir deshalb ein bisschen ähnlich gestrickt …»

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Raphael Stadelmann

Der Zwischenstand

Die Bauarbeiten dauern insgesamt zwei Jahre und sind in sieben Phasen gegliedert. Die erste, mittlerweile erfolgreich abgeschlossene Bauphase dauerte von Oktober bis Dezember 2025. Dabei wurden wichtige Hauptleitungen von BKW, Wasserverbund Bipperamt (WABI) und Gasverbund mittels Spülbohrverfahren im Bereich des Stockackerwegs rund 15 Meter tief neu verlegt. Diese Arbeiten bildeten die Grundlage für die Bauphase 2, den Bau der neuen Unterführung.

Erste Bilanz

Und wie lautet das vorläufige Fazit des Bauherrn per Ende 2025? «Wir sind bisher zufrieden – alles läuft bis jetzt nach Plan. Was immer wieder auffällt: Viele Herausforderungen, die auf dem Papier nicht erkennbar sind, müssen wir vor Ort meistern – durch rasche, effiziente und wirtschaftliche Lösungen und unter der Voraussetzung, dass alle Gesetze und Vorgaben, Normen und Abmachungen eingehalten werden.» Zum Schluss schaut Martin Mühlethaler fragend zu seinem Kollegen Raphael Stadelmann. Doch dieser nickt nur anerkennend. Alles Wesentliche ist gesagt.  

Martin Mühlethaler ist gelernter Vermessungs- und Bautechniker. Er ist seit 2020 zuständig für Infrastrukturprojekte bei der asm – im Projekt «Neubau Scharnageln–Niederbipp» ist er als Gesamtprojektleiter im Einsatz.

Raphael Stadelmann ist Bauingenieur – im Projekt «Neubau Scharnageln–Niederbipp» ist er für die SBB als Projektleiter der gesamten Bauphase zuständig.